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Erinnerungen
Johanna Dorn, Seite 3

In dieser Zeit hatte ich in meiner Schwester Pola einen Schutzengel. Sie schickte mir, so oft es möglich war, Eßpakete, so konnte ich mich halbwegs über Wasser halten. Ich hielt durch. Eines Tages rief Larwin einige Studenten zusammen, zeigte ihnen meine Arbeiten und meinte: „Wenn ihr so arbeitet wie das Fräulein Dorn, gratuliere ich euch, dann werdet ihr euer Ziel erreichen.“ Das gab mir natürlich Mut, Mut und Kraft. Im zweiten Jahr ging es mir dann viel besser. Ich hatte da schon in Erfahrung gebracht, dass es Eßkarten gab, wusste, wohin ich essen gehen konnte, und aß wenigstens einmal am Tag etwas Warmes. Ich gab Nachhilfestunden, so dass ich auch Geld hatte, freilich wenig genug. In dieser Zeit kam mein Bruder Conrad Dorn nach Wien und begann seine Studien bei Professor Müller. Einige Zeit wohnten wir zusammen, einmal auch in einem Atelier in der Paulanergasse. Dort besuchte uns Mutter. Ich sehe sie heute noch vor mir, wie sie bitter weinte über unser armseliges Dasein. Aber dann gab es ja wieder Ferien, wo wir uns zu Hause, dank der Fürsorge Polas, gut erholten. Nach dem Tode Professor Larwins übernahm Professor Fahringer unseren Jahrgang. Wir lernten bei ihm sehr gründlich die technischen Bedingungen und Voraussetzungen zu Ölgemälden. Fahringer war Impressionist, ein hervorragender Maler. Anfangs malte also auch ich impressionistisch. Aber die Nähe von Herbert Böckl, der im selben Stockwerk sein Atelier hatte und oft zu mir in meine kleine Werkstatt kam, sowie das Studium von Cèzanne, Matisse, Modigliani und von Gogh, ließen mich den Impressionismus bald vergessen. Allmählich entwickelte ich mich hin zum Expressionismus. Ich lernte meinen späteren Mann kennen, den Graphiker Herbert Fladerer. Ich saß in der Ätz-Kammer (Radierungen interessierten mich sehr) und brauchte dringend ein Löschblatt. Fladerer, der zufällig hereinkam, holte mir sofort eines und überreichte es mir – ganz feierlich. Es war mir, als ob mir jemand die Hand reichte. Das war der Beginn eines langen Lebensbundes.

Als wir ein wenig Geld erspart hatten, leisteten wir uns einige Wochen Aufenthalt in Roseggers Waldheimat. Wir konnten eine kleine Hütte, an ein nicht viel größeres Haus angebaut, bewohnen, kostenlos. Herbert Fladerer war sehr glücklich, er zeichnete täglich. Ich machte Vorarbeiten für einige Radierungen. Das Glück währte nicht lange. Herbert musste nach Wien zurück. Er musste einrücken. Das war 1939.
Bei einer Ferienwanderung mit meinem Onkel entdeckte ich in Kneiding im Sauwald ein leerstehendes Haus, eine alte Mühle, die dem Passauer Dipl.-Ing. Peschl gehörte. Ich nahm mit ihm Verbindung auf und bat ihn, uns das Haus zur Verfügung zu stellen, ich sei Malerin und könnte wohl mit dem einen oder anderen Bild die Miete begleichen. Ingenieur Peschl ließ mich daraufhin den Hamerling Mathias, einen alten Jäger mit langem Bart und zwei sehr langen Schneidezähnen, malen. Dieser Mathias hatte bis dahin die Aufgabe, auf das Haus aufzupassen, das ja mitten im Walde lag. Das Bild, das ich vom Mathias gemalt hatte, gefiel Herrn Peschl so gut, dass er mit meinem Vorschlag einverstanden war. Ich ließ das Haus notdürftig herrichten, so dass wir nach dem Kriege einziehen konnten. Herbert Fladerer habe ich 1942 geheiratet. Wir verbrachten schon seinen Fronturlaub in der alten Mühle, alte Bauernmöbel hatte ich billigst, in der Umgebung aufgetrieben. So gab es dann eine Bauernstube und ein Wohnzimmer.

                
Die Stube sah allerliebst aus. Eine große bunte Truhe, ein ebensolcher Kasten, beide passten zu den rotkarierten Vorhängen. Vom Hafner ließ ich einen Kachelofen setzen, und der Tischler machte uns einen Tisch und die dazupassenden Sessel. Als Herbert vom Krieg heimkehrte, gab es für ihn noch sehr viel zu tun, um die alte Mühle auch für den Winter wohntauglich zu machen. Rund um das Haus leistete er täglich Schwer- und Schwerstarbeit. Da galt es riesige Steine aus dem Bach zu heben, um bei Hochwasser ein Rückstauen des Baches zu verhindern.
In der damaligen Zeit war eine öffentliche Stromversorgung nicht alltäglich, am allerwenigsten in dieser abgelegenen Gegend. Nachdem das Haus ehedem eine Senfmühle gewesen ist, waren die Möglichkeiten zur Nutzung der Wasserkraft gegeben. Freilich, Wasserrad, Gerinne und Schleusen waren längst verfallen, und so ging Herbert, der neben seiner künstlerischen Begabung auch Liebe und Verständnis für technische Dinge hatte, daran ein kleines E-Werk neu zu errichten. Zwei Durchströmturbinen trieben über Riemen und Vorgelege einen Generator, dessen Strom unser Haus und das des Nachbarn mit Licht versorgte. Nach dem arbeitsreichen Tag kam dann der Abend, der seiner Kunst gehörte. Mein Mann saß oft bis lange in die Nacht hinein an seinem Arbeitstisch, und ich höre noch heute das Kratzen der Rasierklinge, mit der er unbefriedigende Arbeit von der Holzplatte nahm. Erst nach Tagen wenn es ruhig wurde, konnte ich dann aufatmen: Ich wusste, nun hat er wieder ein Kunstwerk, einen seiner Holzschnitte geschaffen.

Die Nachkriegsjahre waren für alle Menschen schwer. Für uns besonders. Niemand konnte ein Bild kaufen. Da waren ein Paar Schuhe wichtiger. Wir behalfen uns mit Gelegenheitsarbeiten. Herbert beschriftete Traktoren – die Bauern kamen mit ihren Fahrzeugen bis zur Haustüre -, da gab es wieder ein Stück Fleisch, da gab es Butter. Ich gestaltete Marterln und malte Kapellen aus. Finanziell sah dabei nicht viel heraus, aber wir hatten unser Auskommen. Als wir die Mutter meines Mannes von Wien heraus zu uns nahmen, half uns auch ihre kleine Pension. Wir hielten Hühner, hatten eine Ziege, die ich so recht und schlecht molk, leider gab sie aber immer weniger Milch. Doch langsam besserte sich unsere Lage. Ein Fahrrad konnte angeschafft werden. Herbert hatte Arbeit in der Druckerei Steinbrenner in Schärding, er illustrierte Volkskalender, auch Kurzgeschichten für Zeitungen. Die Illustration von Kalendergeschichten war mühselig, Herbert musste da seine Kunst sehr reduzieren, um verstanden zu werden. Hie und da aber wurde nun doch ein  Holzschnitt gekauft, auch ich malte hin und wieder ein Porträt. Da hatten wir dann schöne und sorgenfreie Tage. Ich konnte mir ein Moped kaufen und nun auch in der Umgebung und in Passau malen. In diese Zeit fiel der Auftrag des Unterrichtsministeriums, das Bundesminister Dr. Drimmel leitete. Ich sollte Kubin porträtieren.
Diese Arbeit gefiel dem Minister, und das Ministerium kaufte nun fallweise Bilder von mir. Den Sommer über hatten wir öfters Besuche, die Leute begeisterten sich an der Umgebung und an der alten Mühle, aber wenn der Herbst nahte, die Straßen schlecht wurden, dann kam niemand mehr. Dieses Alleinsein machte mir sehr zu schaffen. Ich wurde krank, und als eines Tages der psychische Zusammenbruch kam, musste ich in die Anstalt nach Linz gebracht werden. Aber mein Naturell siegte. Ich gesundete und konnte erneut arbeiten. 1952 kam unser Kind Thomas zur Welt. Wir versuchten, ihm die Kindheit so schön wie möglich zu gestalten. Am Waldrand, der bis zum Haus reichte, hatte er seine Zwergenreiche. Unter den Strünken entwurzelter Bäume, sorgsam mit Laub und Moos ausgebettet, lebten seine Zwerge. Längs des Baches klapperten seine Wasserräder, welche Säge- und Hammerwerke antrieben, zuweilen aber auch die Bröselmaschine aus unserer Küche oder den Dynamo meines Fahrrades.

Damals trat dann die Familie Kapsreiter in unseren Gesichtskreis: Herr KR Gustav Kapsreiter ließ sich porträtieren, er gab uns ein Darlehen, das er sich nicht rückzahlen ließ. Wir schufen uns eine Badewanne an und kauften von einem Freund einen gebrauchten Volkswagen. Mit dem fuhren wir nach Linz, zur Firma Colli in der Landstraße, um meinen ersten „großen“ Farbeinkauf zu tätigen. Die Rechnung belief sich auf 777 Schilling 70 Groschen. Der Verkäufer gab noch einen Korkstoppel drauf, um die Rechnung auf 777 S 77 Gr zu erhöhen. Ich war einverstanden, sieben ist meine Glückszahl. Im Laufe der Jahre erhielt Herbert Sgraffiti-Aufträge in Schärding, in Ried und Umgebung. Um dieselbe Zeit fiel auch meine Begegnung mit Kokoschka. Ich las in der Zeitung von seiner Schule des Sehens in Salzburg. Frau Maria Kapsreiter finanzierte meinen Aufenthalt, Kokoschka stellte mich seiner Frau Olda vor und bat mich, seine Assistentin zu werden. Ich erinnere mich an eine Fahrt nach München. Die ganze Klasse stand vor dem Sonnenblumenbild van Goghs, Kokoschka holte mich – von ganz hinten – und führte mich zu dem herrlichen Bild. Es gibt aber auch andere, weniger schöne Impressionen.

Einmal waren wir in Münzkirchen einkaufen, unsere Mühle liegt eineinhalb Stunden entfernt. Plötzlich schneite es sehr heftig, ein Sturm wehte und verwehte Straßen und Wege. Es wurde dunkel, wir fanden unseren Weg nicht, wir krochen auf allen Vieren, mein Mann und ich, wir tasteten den Boden ab, um die Härte des Weges zu spüren. Wir hatten einen Schlitten mit, auf den ich mich nun setzte und hemmungslos weinte. Noch nie war mir die Armseligkeit unseres Daseins so zu Bewusstsein gekommen. Endlich fanden wir die Straße, wir kamen erschöpft nach Hause. Am Tag darauf war unsere Mühle bis zu den Fenstern eingeschneit. Dann war Advent. Der Bub des Nachbarn ließ sich von mir als Nikolo einkleiden – Thomas musste seinen Nikolo bekommen. Als der Kinderheilige, eine Laterne schwenkend, über eine kleine Brücke auf unser Haus zukam und ein wenig zögerte, rief unser Bub, ungeduldig das Fenster aufreißend: „Komm nur, lieber Nikolaus, du gehst schon richtig, hier wohnt der brave Thomas.“ Es war wirklich nicht leicht zu uns in den Wald zu finden, nicht nur für den Nikolo. Thomas musste einen Schulweg von eineinhalb Stunden zurücklegen, bei jedem Wetter, oft durch tiefen Schnee, es gab keinen Schneepflug zu uns hin. Manchmal kehrte er um, kam wieder zurück, da er nicht vorwärts konnte. Es war so arg, dass sich einmal ein Bauer erbarmte, von einem Ochsen einen Sautrog ziehen ließ, am Morgen nach dem Schneefall. Der Trog hinterließ eine Art Fahrrinne, so war der Schulweg leichter zu bewältigen. Als Herbert einmal in Schärding war, ging Thomas in den Keller und schüttete Wasser auf den Treibriemen unserer Turbine. Das Licht ging aus, doch Thomas tröstete mich, er legte den Riemen wieder an. Das tat er, um mir zu beweisen, wie er sich mit Maschinen auskenne. Die Turbinen faszinierten ihn, wie alles Technische. Wenn er zeichnete, so waren es Maschinen. Er hat später auch Technik studiert.

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2009 Familie Thomas Fladerer und Verlag Wiesner Medien